2026-03 | Roman | Rezension
Schmeller, R. (2026). Co. München: Penguin.
Es gibt eine Reihe von autobiografischen Romanen über eine Kindheit aus einer Suchtfamilie. Bücher über das Thema von verstrickten Partnerschaften zu suchtkranken Personen sind eher rar. Doch in den letzten zwei Jahren sind gleich drei Romane dazu erschienen: Säuferkind von Sophia Schneider, Ich stelle mich schlafend von Deniz Ohde und jetzt Co von Rina Schmeller. Anfang März 2026 habe ich überraschend ein Paket mit der autofiktionalen Neuerscheinung von Schmeller erhalten. Sie hatte den Verlag veranlasst, es mir zuzusenden, was mich sehr freut.
Das Abstrakt von der Verlagsseite:
Eine Begegnung auf einer Brücke. Ein Erkennen, eine Liebe. Die Entscheidung für ein gemeinsames Leben – ungeachtet der Droge, die ihn begleitet und somit nun auch ihren Alltag bestimmt. Sie verstrickt sich in seine Abhängigkeit, beginnt, um ihn zu kreisen wie er um die Droge: stilles Zentrum, dritte Instanz. Sie flieht immer wieder vor der Gewalt, doch kehrt stets nach Hause zurück – bis sie es eines Tages nicht mehr tut.
»Co« erzählt von Mitgefühl und von schleichender Selbstsabotage. Von der Dynamik der Sucht, einer Krankheit, vor der niemand sicher ist. Davon, was es heißt, co-abhängig zu leben. Und von Selbstermächtigung. Inbegriff einer Befreiung, erzählt »Co« vom Weg einer Frau, die die Kraft aufbringt, sich nach Jahren als Co zu lösen: ihre Chance zu überleben. Wie sie mit Mühe, aber entschieden nach einem eigenen Leben zu suchen beginnt – und mit jeder Phase unabhängiger wird.
Schritt für Schritt, Schleife für Schleife spürt Rina Schmeller dem Wiederfinden eines Ich nach und erzählt mit Kraft vom Zurückerlangen der eigenen inneren Freiheit. Mit einer Sprache voller Klarheit, Rhythmus und Stille schreibt sie gegen das Tabu an.
Das Buch von Schmeller ist wie auch Säuferkind eine prototypische Erzählung dafür, was co-abhängiges Erleben und Verhalten auszeichnet und wie man sich daraus befreien kann. Es spiegelt in den autofiktionalen Geschehnissen die konzeptionellen Inhalte der Modelle zur Co-Abhängigkeit wider. In den sich selbst bewusst werdenden und sich emanzipierenden Erkenntnissen und Entscheidungen der Protagonistin habe ich die Arbeiten von Sharon Wegscheider-Cruse, Claudia Black, Melody Beattie, Ann Wilson Schaef, Pia Mellody und auch mir wiedergefunden. Das hat mir großes Vergnügen bereitet. Wer einen biografischen, nicht theoretischen, konkret begreifbaren Zugang zur co-abhängigen Thematik sucht, erhält ihn bei Schmeller in einer besonderen Form wie nirgends anders.
Das Buch beginnt sehr zaghaft, fragmentarisch und wird mit dem Prozess der Selbsterkenntnis und -findung der Protagonistin immer dichter. Die Erzählung von Schmeller hat mich hineingezogen, ich habe das Buch an einem Tag gelesen, konnte nicht mehr aufhören und wollte wissen, wie die Protagonistin die Kurve kriegt. Wie immer habe ich mir beim Lesen aussagekräftige Stellen im Buch markiert, um sie in dieser Rezension zu zitieren. Doch es sind viel zu viele Stellen, um sie alle aufzuführen. Folgend lediglich eine kleine Auswahl der Zitatsammlung, die dem Buch zwar nicht gerecht wird, Ihnen indes eine Impression zu den Inhalten, der Sprache und dem Stil von Schmeller gibt:
Was macht es so schwer darüber zu schreiben? Weil man sich schämt. Ist es das? Oder sich selbst nicht wichtig nimmt. Und wie soll ich davon erzählen? Von dem Fehlen eines Ich. In der Ich-Form noch dazu, die ich mir so hart erarbeitet habe.
Er hielt ein halbvolles Bier in der Hand, hob und drehte seinen Arm und leerte den Rest über meinem Kopf aus. Meine Haare waren nass und verklebt. Weder vorher noch nachher habe ich je so empfunden, aber was genau ich empfunden habe, kann ich nach wie vor nicht benennen. Ich weiß es einfach nicht. Jemand anderes war es, einer anderen Frau widerfuhr es, nicht mir. Ich sah dem Geschehen, der Szene nur zu und spürte gleichwohl die Erniedrigung. Als er mir ins Gesicht spuckte, war es ähnlich. Immer schneller wurde ich im Verlassen der Wohnung, immer besser war ich darauf vorbereitet, packte schon vor der Nacht meine Sachen. Sie legt alles griffbereit neben sich. So kann sie leiser und schneller sein.
Ich erinnere alles, die Szenen kommen wieder, und doch habe ich so vieles vergessen, wahrscheinlich weil immer das Gleiche geschah. Immer enger wurde der Raum, immer umfassender das Schweigen, das wir uns teilten, immer routinierter die Flucht mit anschließender Rückkehr. Wir waren beide auf der Flucht, was uns paradoxerweise verband, aber vor was genau wir zu fliehen versuchten, das kann ich nach wie vor kaum greifen. Wonach wir suchten, das weiß ich eher. Nach einem Zuhause. Geborgenheit. Frieden. Was einem Menschen auf der Flucht eben fehlt.
Wenn man sich länger mit mir unterhielt, ich ein Gegenüber hatte, egal ob bekannt, befreundet, vertraut – oder inmitten einer Gruppe, in der ich als Einzige schwieg, weil ich zu dem Thema nichts sagen konnte, nichts aus meinem Leben hinzufügen konnte, wenn ich mich dabei zu sehen begann, bei meinem Dasein, meinem Schweigen – das war ihr Moment, dann zeigte sie sich. Für alle sichtbar, in meinem Gesicht. Scham ist diffus, man begreift sie nicht. Ich schämte mich dafür, dass ich mich schämte
Ich hatte gespürt, wie beweglich ich war. Ich hatte verstanden, ich konnte mich – jetzt und jederzeit – entschließen. Dass sich alles weitere einfach ergab. Es nur darum ging, loszugehen. Und was sich dann zeigte, zeigte sich mir, eben weil ich aufgebrochen war. Weil ich jetzt hier war – egal, wo ich war. Und so kam es wieder, das Außen kam wieder. Nach und nach. Eine andere Welt.
Falls Sie mehr wissen wollen, wie es der Protagonistin ergangen ist und vor allem wie sie Unabhängigkeit erlangt, lesen Sie das Buch selbst. Für alle, die sich zum Thema informieren wollen, aber vor allem für betroffene Frauen, die noch selbstaufopfernd und leidvoll in der co-abhängigen Misere drinstecken und sich auf den Weg machen wollen, möchte ich eine klare Leseempfehlung aussprechen.
» Das Buch bei Penguin