2026-03 | DOC Esser | WDR
Leben im Schatten der Sucht - Wer hilft Angehörigen
Der Gesundheitskompass mit Dr. med. Esser hatte am 05.03.2026 die Angehörigen von suchtkranken Personen im Fokus. Ich hatte mit den Machern der Sendung im Vorfeld Kontakt und mir hat ihre offene und kritische Herangehensweise sehr gefallen. Ob und wie sie es umsetzen, darauf war ich sehr gespannt. Aus der Ankündigung von der Seite des WDR:
Eine Sucht kann nicht nur das Leben vieler Betroffener zerstören - sie zieht oft auch ihr Umfeld in den Abgrund. Eltern, Partner, Kinder, Freunde: Sie alle können in eine Abwärtsspirale aus Angst, Schuld und Überforderung geraten. Auf einen Suchterkrankten kommen in Deutschland im Schnitt mindestens fünf Angehörige - das sind viele Millionen Menschen. Angehörige können selbst psychisch oder sogar an einer Sucht erkranken. Wie kann den Angehörigen rechtzeitig geholfen werden?
Dr. med. Esser trifft Betroffene. Vor zwei Jahren starb Alinas schwer alkoholabhängige Mutter. Heute leitet sie ehrenamtlich eine Selbsthilfegruppe speziell für Angehörige beim Blauen Kreuz. Der gelernte Bankkaufmann Thomas landete wegen seiner Spielsucht im Gefängnis.
Wenig Selbsthilfegruppen, begrenzte Hilfsangebote: Doch Dr. med. Esser zeigt, was man trotzdem tun kann. Er stellt eine Schwarzwald-Klinik mit einem deutschlandweit einzigartigem Konzept vor, das die Familie in den Mittelpunkt der Suchtrehabilitation rückt.
Mein Fazit ist ambivalent: Der Film hat Licht und Schatten. Alina, Monika, die Selbsthilfegruppe, Frau Dr. Hornig und die interessierten und kritischen Fragen von Doc Esser bringen warmes Licht in die Sache der Angehörigen. Diese Teile sind gut, feinfühlig und kompetent umgesetzt. Der Rest, ungefähr die Hälfte des Beitrags, ist suchtzentriert, stellt die Angelegenheit der Angehörigen in den Schatten und wird dem Anspruch, sie in den Fokus zu rücken, nicht gerecht. Aber machen Sie sich selbst ein Bild! Die Dokumenation ist in der Mediathek des WDR abrufbar.
» Dokumentation
2026-02 | Rezension | Autobiografie
Schneider, S. (2025). Wie man stirbt. Berlin: epubli.
Die Tage war ich mit einem Freund abends im Park laufen. Ein Besoffener pöbelte zwei andere Männer an. Er schrie hasserfüllt Unflätiges und fluchte rassistisch. Wir haben versucht, zu deeskalieren, und sind als Folge ebenso von ihm beschimpft worden. Es war widerlich und ich habe mich hilflos gefühlt. Ekel und Ohnmacht sind auch die beherrschenden emotionalen Themen in dem autobiografischen Roman von Sophia Schneider. Sie beschreibt, wie sie ihren Vater als junge Frau bis in den alkoholbedingt vorzeitigen Tod begleitet. Der Ekel bleibt nicht abstrakt: offenen Beine, verfaulendes Fleisch, Inkontinenz, Blut, Erbrochenes, Gestank, Hass, Selbstgerechtigkeit, berauschte Eskapaden, Selbstsucht. Schneider ist schonungslos und zeigt die widerliche Seite der Sucht, die sich in dieser siechenden Form in keiner anderen Autobiografie findet.
Das Abstrakt von der Verlagsseite:
In einem spanischen Ferienort kümmert sich Sophia um ihren Vater, der sich durch Alkohol, Delirium und Selbstzerstörung in den Tod trinkt – und konfrontiert dabei die Abgründe ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Während sie den körperlichen Verfall, die emotionale Grausamkeit und schließlich den Tod begleitet, zeigt ein inneres Märchen von Tao, einem jungen Puma, ihre psychische Realität in poetischen Bildern. Am Ende gewinnt sie nicht das Vergessen, sondern etwas Stärkeres: die Fähigkeit, der Vergangenheit in die Augen zu sehen, ohne in ihr zu verschwinden.
Das Buch erzählt nicht nur von dem dahinsiechenden Korsakow des Vaters, es gibt den emotionalen Reaktionen der Protagonistin, ihren Gegenübertragungen viel Raum. Sie schildert ihre Ambivalenz zwischen liebevollen Wünschen, den Vater nicht auf seinem letzten Lebensweg allein lassen zu wollen, und den angeekelten Bedürfnissen, das Weite zu suchen bzw. sich manchmal zu wünschen, dass er endlich stirbt und es vorbei ist. Durch kleine Aktivitäten, z.B. im Meer zu schwimmen, das Voranbringen der Promotion und Kontakte zu anderen, verschafft sie sich immer wieder Luft und schafft es, den Kontakt zu sich selbst zu erneuern.
Sie beginnt, eine Fabel über den Pumajungen Tao - eine Anspielung auf den Daoismus - zu schreiben, der die Welt retten muss, weil die Farben verschwinden. Diese Allegorie ist geschickt gesetzt, denn im helfenden Kontakt zu suchtkranken Menschen geht es darum, die eigene Farbigkeit zu bewahren. Als Leser habe ich mich über die kleinen Pausen, die durch die kursiv gesetzten Fortsetzungen der Fabel entstanden, gefreut. Sie haben mir geholfen, die Abscheulichkeiten auszuhalten, die aus dem Buch sprichwörtlich quillen und spritzen.
Weil niemand ein Buch besser einordnen kann als die Autorin selbst, lassen wir das Buch ein wenig sprechen (S. 46, 89 - 91, 110 - 111, 151):
Mich bedrückte schon länger die Frage, ob ich zwischen dem Gefühl, von der Zuneigung und Zustimmung anderer abhängig zu sein, und Dankbarkeit und Erleichterung, wenn ich beides bekam, und dem, was man 'Liebe' nannte überhaupt unterscheiden konnte. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, als seien Co-Abhängigkeit und Liebe, von dem Moment an, an dem ich auf die Welt kam, eins gewesen.
Am liebsten hätte ich ihn auf Abstand gehalten. Auch andere. Warum? Um nicht verletzt zu werden, klar. Aber auch, damit niemand sah, wie es in mir war. Meine Wunden, meine Schäden, meine Scham. Zu viel Nähe mochte ich nicht. [...] Mein Instinkt sagte nur eins: Schütz dich. Schütze dich, egal womit. Wenn die Mauer fiel - was stand dann noch zwischen mit und der Welt? Zwischen mir und ihm? Und das Absurde: Es brachte nichts, mich zu verstecken, zu schützen; denn was ich bekämpfte, war bereits in mir. [...] Ich wollte mich einfach ins Bett legen. Mein Rücken tat weh. Mein Herz tat weh. Alles tat weh. [...] Ich blieb sitzen. Denn wovor ich wirklich Angst hatte, war nicht sein Urteil. Es war meins.
So anstrengend es war, mich dieser ganzen Situation ausgeliefert zu fühlen - wirklich ausgeliefert war ich nicht. Ich war erwachsen. Ich konnte wegfahren, Türen hinter mir schließen, Pausen machen. Wie musste es erst Kindern gehen, die einem Alkoholiker wirklich ausgeliefert waren? Meine eigene Kindheit würde ich nicht einmal richtig dazuzählen. Nach außen war alles behütet, ordentlich, funktionierend. Die Fassade stand. [...] War eine heile Fassade ein Schutz - oder nur ein anderes Gefängnis? Um überhaupt so tun zu können, als sei alles normal, brauchte es ja mindestens einen Rahmen. Einen, der nicht völlig zerfallen war. Ich hatte diesen Rahmen. Viele hatten ihn nicht. Wie viele Kinder und Jugendliche lebten in Verhältnissen, in denen nicht einmal der Schein hielt? Dauerhaft. Unsichtbar. Wer half ihnen? Wer sah sie, wenn ihre Eltern mit ihrer Sucht gerade noch so unter dem Radar der Behörden durchglitten?
Wenn wir in unserem ängstlichen Leben noch schön konsumeren konnten, fühlten wir uns frei. Denn was war das, was wir für Freiheit hielten, ja, was wir mit Freiheit verwechselten: Konsumfähigkeit. Es war so absurd: Die einzige "Individualität", die unsere Gesellschaft duldete, war die, die man kaufen konnte. Und wer sich über den Konsum definierte, war am Ende wie alle - nur mit dem Gefühl, besonders zu sein. Armselig, wie gut das funktionierte.
Schneider nutzt den Begriff der Co-Abhängigkeit, um das Erleben und Handeln der Protagonistin intelligent zu hinterfragen. Die Ich-Erzählerin stellt Fragen und reflektiert. Sie probiert Antworten aus, ohne abschließende Antworten zu geben, was wohltuend ist. Als Fachbuchautor, der ein Konzept zur Co-Abhängigkeit erstellt hat, möchte ich der Protagonistin wie auch der Autorin indes eine Antwort geben: Meines Erachtens verhält sie sich im Großen und Ganzen nicht co-abhängig. Ihr Wunsch, den Vater in den Tod zu begleiten, ist nicht co-abhängig zu werten. Sie wird zwar oft durch ihre widerstreitenden Gefühle geflutet, doch sie wehrt sie nicht ab; sie verleugnet sich - abgesehen von Momenten der Überforderung - nicht wirklich selbst. Sie verhält sich riskant, aber sie achtet auf sich, sich nicht in der Hilfe zu verlieren, und ergreift immer wieder notwendige Maßnahmen der Selbstfürsorge.
Dieser Entwicklungsprozess ist beeindruckend, ein wenig sogar vorbildhaft. Wie man stirbt ist ein Beispiel dafür, wie man einem suchtkranken Menschen auf dem letzten Weg helfen kann, ohne die eigene Würde beschädigen zu lassen, auch wenn sich die Person würdelos und verletzend verhält. Es ist ebenfalls ein Beispiel dafür, wie viel Kraft dies erfordert; aus dem Epilog (S. 270): "Die wahre Kunst beim Schreiben dieses Buches bestand darin, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren." Davor verneige ich mich.
» Das Buch bei epubli
2025-11 | NACOA | Berlin
Schulung ModeratorInnen von Selbsthilfegruppen für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien
Ich habe einen Traum. Für Eltern von suchtkranken Kindern gibt es bundesweit eine gut ausgebaute, unabhängige Selbsthilfe. Der Ansatz, Selbsthilfe für andere Angehörige in Suchtselbsthilfevereinen zu integrieren, wie es einige Selbsthilfeträger seit vielen Jahren mit vorhersagbar bescheidenen Effekten umsetzen, zäumt das Pferd von hinten auf und galoppiert meines Erachtens in die falsche Richtung. Die Priorität liegt stets bei der Hilfe für die Suchtbetroffenen und die Angehörigen werden nur am Rande berücksichtigt. Deswegen wünsche ich mir von Herzen, dass NACOA Deutschland ebenso bundesweit ein unabhängiges Netzwerk der Selbsthilfe für erwachsene Kinder aus Suchtfamilien (und auch PartnerInnen) aufbaut und auf diesem Weg Standards setzt.
Auf Initiative des aktuellen Vorstandsmitgliedes, Frau Christina Reich, und des kürzlich ausgeschiedenen Vorstandsmitgliedes, Frau Corinna Oswald, haben wir - Frau Reich und ich - kürzlich die erste zweitägige Schulung mit Betroffenen in den Räumlichkeiten von NACOA in Berlin durchgeführt. Einige TeilnehmerInnen engagieren sich schon in Selbsthilfegruppen, andere überlegen noch, es in Zukunft anzugehen. Eine zweite Schulung mit einer weiteren Gruppe ist für das Frühjahr 2026 geplant. Im Fokus der Fortbildung standen folgende Inhalte: die typischen Belastungen und Traumata von eKS und ihre psychosozialen Auswirkungen, diesbezügliche Verständnis- und Analysemodelle sowie - last but not least - Methoden der Hilfe zur Selbsthilfe. Das Modul wird ergänzt durch ein logistisches Unterstützungspaket von NACOA für Interessierte, die Selbsthilfegruppen gründen wollen.
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Die Inhalte der Schulung basieren vor allem auf dem vierschrittigen Selbsthilfe-Konzept Leben zurück! (siehe u. a. die Seite Selbsthilfe von Co-ABHAENGIG.de oder den Ratgeber Ich will mein Leben zurück!). Darüber hinaus habe ich personzentrierte, humanistische Methoden der Emotions- und Bedürfnisregulation und der Selbstaktualisierung, der Förderung von Eigensinn und Selbstannahme - angepasst an den Rahmen der Selbsthilfe der "stillen Kinder" - dialogisch eingebracht. Wir haben diese Inhalte nicht nur theoretisch erarbeitet, sondern im Sinne der Selbsterfahrung miteinander ausprobiert. Es ergaben sich immer wieder spontane und kritische Diskussionen über die sozialen und gesellschaftlichen Umstände, wie erwachsene Kinder aus Suchtfamilien benachteiligt werden und wie wir im geschützten Rahmen der Selbsthilfegruppe solidarisch und liebevoll dagegensteuern können.
Eine Fragestellung tauchte vor dem Hintergrund, dass einige TeilnehmerInnen sowohl positive Erfahrungen mit Selbsthilfe als auch Psychotherapie gesammelt haben, mehrfach auf: Was kann Selbsthilfe leisten, wann benötigen Betroffene Psychotherapie? Was ist der Sinn und Wert der beiden Hilfeformen, was sind die Gemeinsamkeiten und was sind die Unterschiede? Das Thema ist spannend; klare, endgültige Antworten haben wir nicht gefunden. Doch einen Aspekt möchte ich hier erwähnen: Selbsthilfe wie auch Psychotherapie basieren auf der Hilfe zur Selbsthilfe und entfalten in der gelungenen Kooperation besondere Effekte. Die stillen Kinder aus Suchtfamilien benötigen beides.
Ich habe schon viel erlebt, aber ich bin erstaunt und beeindruckt von der Gruppendynamik der zwei gemeinsamen Tage nach Hause gefahren. Die gegenseitige Offenheit und die wertschätzenden Begegnungen sowohl in der Gruppenarbeit als auch in den Pausen zwischendurch waren intensiv, berührend und heilsam. Die Kooperation mit Christina Reich - wir kannten uns zuvor nur oberflächlich - habe ich als ein Geschenk erlebt. Sie hat nicht nur den Background der Schulung organisiert, sondern sich auch mit ganz viel Feingefühl, Kompetenz und Erfahrung eingebracht.
Eine Teilnehmerin schrieb mir einige Tage später die folgenden kämpferischen Zeilen in einer E-Mail und wunderbarer kann man es nicht formulieren, weshalb sie hier das letzte Wort erhält:
Geben wir Energie auf das defizitäre Suchthilfesystem, auf Schuld, mangelnde Anerkennung und unsere Kritiker? Das wäre süchtig. Oder darf es um Ermutigung der Engagierten, um Genuss des Erlebten, um Einladung zum Netzwerken und um den Glaube an die (im Kleinen ja bewiesenen) Möglichkeiten der Begegnung, des Trostes, der Wertschätzung unserer Verletzungen und Ressourcen, unserer Wut, unseres Wollens gehen? Man kann Kraft in den Kampf gegen etwas verpulvern oder "die Schwachen" einladen und stärken. Wovon wollen wir mehr? Wo bekommen wir mehr? - So blicke ich auf die Sache.