Sucht betrifft viele, mit-betroffen sind alle anderen.

illustration blumen zupfen

Willkommen

Sie interessieren sich für die Angehörigenproblematik der Sucht? Vielleicht weil Sie selbst als Kind, Partner, Eltern, Geschwister oder Freund betroffen sind, weil Sie sich in der Selbsthilfe engagieren oder weil Sie als Suchthelfer tätig sind? Vielleicht auch weil Sie süchtig betroffen sind und sich dafür interessieren, wie andere unter Ihrer Sucht gelitten haben? Diese Website ist angehörigenzentriert und solidarisiert sich parteiisch mit den Angehörigen von Suchtkranken.

Gibt es Co-Abhängigkeit? Die vorherrschende Lesart der deutschen Suchthilfe ist, dass der Begriff angeblich Angehörige als krank stigmatisiere und diese allenfalls Stress erfahren. Dieser rhetorische, doch inhaltsleere Diskurs lenkt davon ab, dass die Suchthilfe und das Gesundheitssystem in der Angehörigenproblematik bis heute einen großen Entwicklungsbedarf haben. Und die polemische Haltung widerspricht der wissenschaftlichen Datenlage und den Leidensgeschichten, die mir betroffene Angehörige tagtäglich in der Psychotherapie schildern. Für mich ist der Begriff Co-Abhängigkeit eine Überschrift, die einer vielschichten und facettenreichen psychischen, sozialen und auch gesellschaftlichen Problematik einen prägnanten Namen gibt.

Angehörige haben es schwer, sie leiden genauso unter den Folgen und Begleiterscheinungen der Sucht wie die Suchtkranken und nicht selten erkranken sie psychisch oder psychosomatisch. Kinder, Geschwister, Partner und Eltern Suchtkranker benötigen ebenfalls Hilfe in Form von Prävention, Beratung, Schutz und Therapie. In der Hinwendung, Beachtung und Unterstützung von Angehörigen, davon bin ich überzeugt, liegt eine riesen Chance, uns zu verbessern und eine effektivere Suchthilfe, Jugendhilfe und Psychotherapie zu entwickeln.

Ihr Jens Flassbeck

2021-02 | Roman

Shuggie Bain ist ein Roman über das Aufwachsen von drei Kindern mit einer alkoholkranken Mutter. Die Geschichte spielt in den 80ern und Anfang der 90er in Glasgow auf dem gesellschaftliche Hintergrund des Thatcherism. Die klassische Industrie stirbt und Armut macht sich in den Schichten des Arbeitermileus breit. Die Mutter Agnes verliert sich immer mehr in Tagträumen von einem besseren Leben und im Suff. Der Vater Shug, Taxifahrer, geht notorisch fremd und verlässt schließlich die Familie. Die Kinder kümmern sich erfolglos um die Mutter. Eins nach dem anderen sucht das Weite, um das eigene Leben zu retten. Shuggie hält als Jüngster und Lieblingssohn am längsten an der Hoffnung fest, die Mutter zu retten. Doch er hat eigene Probleme als Heranwachsender, der von allen vermittelt bekommt, nicht normal zu sein. Shuggies Befreiung ist auch eine Out-of-Age-Geschichte, wie er sich als Heranwachsender in seinem Anders- und Sosein annehmen lernt.

Der junge Autor Douglas Stuart hat mit seinem Debut-Roman den renommierten Booker Prize gewonnen. Bedauerlicherweise liegt das Buch derzeit nur in Englisch vor. Es ist in einer wunderbaren Mischung aus Gossen-Vokabular sowie bild- und symbolmächtigem Sprachstil formuliert, der die trostlosen sozialen, familiären und persönlichen Zusammenhänge hautnah erfahrbar macht und den Figuren gleichzeitig Stolz und Würde lässt. In der detailreichen Brutalität und Hässlichkeit der Schilderungen versteckt sich etwas respektvoll Sanftes und Menschliches. So realistisch abstoßend die Geschehnisse sind, ist man als Leser von den Schicksalsschlägen und der inneren Not der Protagonisten auch mitfühlend ergriffen. Es ist deswegen kein Buch, welches man in einem Rutsch lesen kann. Nach jedem Kapitel braucht es eine Pause, um Abstand zu nehmen, zu verarbeiten und einen neuen Zugang zum Weiterlesen zu finden.

Die Erfahrungen von Leek, Catherine und Shuggie in Stuarts Werk ähneln, trotz des anderen geschichtlichen Kontextes, verblüffend den Erzählungen meiner Klienten in der Therapie. Dies wirft die Frage auf, woher der Autor ein solches intimes Detailwissen zum Themenkomplex Suchtfamilie hat. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete. Auch Betroffenen, die ihr Trauma noch nicht bewältigt haben, kann ich es nicht empfehlen. Ansonsten ist das Buch eine kleine Kostbarkeit, weil es Einblicke in menschlich Abgründe bietet, welche kein Ratgeber oder Fachbuch liefern kann und ich bislang nur in dem Film "Ein Teil von uns" finden konnte.

» Buch und Autor

2020-02 | COA-Aktionswoche

Vom 14. bis 20. Februar 2021 wird die bundesweite Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien unter dem Motto: "Vergessenen Kindern eine Stimme geben", stattfinden. Sie wird von NACOA Deutschland und Such(t)- und Wendepunkt Hamburg koordiniert. Alle Informationen zur Veranstaltung und Anregungen zum Mitmachen finden sich auf der Website der Aktionswoche. Dort können auch eigene Veranstaltungen angekündigt werden. Dieses Jahr werde ich aufgrund meiner Schwerpunktsetzung auf Aus- und Fortbildung (s.u.) nicht mit einer eigenen Aktion an der Woche teilnehmen.

Einen kritischen Gedanken möchte ich hier indes aufführen: Wie in den Jahren zuvor auch konzentriert sich die Ankündigung der Aktion in Bild und Inhalt allein auf die aktuell ca. drei Mio. Kinder in Suchtfamilien in Deutschland. Aus den betroffene Kindern werden bekanntermaßen Erwachsene - die Zahl wird auf fünf bis sechs Mio. geschätzt -, die ein beträchtliches, psychosoziales Risiko haben, ein Leben lang unter den Folgen ihrer biografischen Last zu leiden. Darüber hinaus ist hinlänglich bekannt, dass Mädchen aus Suchtfamilien später überdurchschnittlich häufig suchtkranke Partner suchen und mit diesen wiederum Eltern von sucht- und co-abhängig gefährdeten Kindern werden.

Das abhängige System aus Sucht und Co-Abhängigkeit ist nur unzureichend zu verstehen und zu behandeln, wenn der transgenerative Teufelskreis nicht beachtet wird (» Transmission). Die Problematik der suchtbelasteten erwachsenen Kinder, Partner und Eltern wird bedauerlicherweise von den Veranstaltern der Aktionswoche nicht ausreichend berücksichtigt. Es ist in meinen Augen ein Widerspruch, den "vergessenen Kindern" öffentliche Beachtung zukommen zu lassen, was an sich lobenswert ist, dabei aber die erwachsenen Angehörigen zu vergessen. Unabhängig von meiner Kritik und trotz der coronabedingten Einschränkungen wünsche ich der COA-Aktionswoche ganz viel Teilnahme, Aufmerksamkeit und Erfolg.

» Website COA-Aktionswoche

2021-01 | Webinar

Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, mich mehr auf die Fort- und Ausbildung von Nachwuchskräften in den Bereichen Prävention, Sozialarbeit, Suchtberatung und -therapie sowie Psychotherapie zu konzentrieren. Ein erstes Online-Seminar wird im Mai in Kooperation mit dem österreichischen Verein für psychosoziale und psychotherapeutische Aus-, Fort- und Weiterbildung (VPA) stattfinden. Das Webinar hat den Titel: Zur Behandlung des Suchttraumas - "Don´t talk, don´t feel, don´t trust".

» Ankündigung

2020-12 | Weiße Weihnacht

"Alle Kinder haben ein Recht auf Weiße Weihnacht". Unter diesem Motto nehme ich seit Jahren an der Kampagne Weiße Weihnacht teil und verzichte in Solidarität mit den Kindern aus Suchtfamilien über die Feiertage auf Alkohol. Unberauscht singt es sich viel schöner am leuchtenden Weihnachtsbaum. Und weil das Feiern mit nüchternen Kopf mehr Spaß macht, dehne ich die Aktion ebenfalls auf Silvester und andere Feiertage aus. Ein heißer Kinder- oder Teepunsch zum Jahreswechsel schmeckt und wärmt wunderbar und das Feuerwerk kann man mit nüchternen Augen viel klarer genießen. Ich wünsche besinnliche Festtage!

» Website Weiße Weihnacht

2020-11 | Forschungsprojekt

Im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht das Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ), wie die Unterstützung suchtbelasteter Familien durch eine engere Vernetzung von Sucht- und Jugendhilfe verbessert werden kann. Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gefördert. Im Juni 2020 wurde der zweite Zwischenbericht des Projektes veröffentlich. In diesem wird suchtkranken Eltern breiter Raum gewährt, über ihre Erfahrungen mit den Hilfesystemen zu reflektieren. Anhand der authentischen Schilderungen der Betroffenen werden die Stärken und Schwächen in der Vernetzung konkret benannt. So gibt der Bericht tiefe Einblicke ins System und legt die Finger direkt in die Wunden.

Doch stellt sich mir die Frage, warum vom BMG schon wieder eine neue Studie aufgelegt wird? Die aufgezeigten Defizite sind seit drei Jahrzehnten wohl bekannt und seitdem verspricht eine Drogenbeauftragte der Bundesregierung nach der anderen Besserung. Nüchtern betrachtet ist vorherzusagen, dass auch diese Studienergebnisse folgenlos in den Schubladen des Bundesministeriums verschwinden werden.

» Zwischenbericht herunterladen

2020-11 | Rezension

Im August ist das Buch Die langen Schatten der Sucht von der Kollegin Judith Barth und mir erschienen, welches über Anamnese, Diagnostik, Analyse und die Behandlung von Traumafolgestörungen als Folge einer suchtbelasteten Kindheit handelt. Jetzt ist auf Socialnet.de die erste Rezension erschienen. Sie ist von Anja Schoop, Diplom Sozialpädagogin in der Fachstelle Sucht des Diakonischen Werks Herford, verfasst worden. Die Rezensentin ist dort für die Angehörigenberatung zuständig.

» Rezension